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Gespräch mit Vertretern aus Politik und Verwaltung

Corona fordert und fordert alle heraus, nicht nur Schüler, Eltern und Lehrer, nein im Besonderen auch die Politik: Sie kämpft mit den ganzen Unabwägbarkeiten, die diese Pandemie hervorbringt – dies war der Tenor gleich zu Beginn des Gesprächs auf dem 2. Schulgipfel. Eingeladen waren der Landtagsabgeordnete Berthold Rüth, der Landrat von Miltenberg, Marco Scherf und der Schulrat von Miltenberg Michael Brummer. Das ganze Video ist auf Facebook oder Youtube einsehbar.

Politik und Verwaltung werden angefragt von zahlreiche Eltern, sie müssen über Anschaffungen in den Schulen beschließen, Verordnungen ad hoc umsetzen und vieles mehr. Solches ist für alle Beteiligten sicher nicht einfach, denn Entscheidungen werden oft gar am Wochenende an die Direktor*innen herangetragen und sollen am Montag umgesetzt werden. Dies wird zur logistischen Herausforderung, wenn wohl inzwischen, wie Herr Rüth annahm, jede Schule eine Onlinekommunikation hat. Nötig ist jeweils eine schnelle Organisation und drüber hinaus auch einen Adressaten an der anderen Seite, bei dem die Nachricht ankommt.

Das Vorbereitungsteam von „Corona & Schule- Wie geht es dir?“ hatte den 1. Schulgipfel mit Vertretern von Schülern, Eltern und Lehrervertreter*innen, stattgefunden am 4.12., ausgewertet und präsentierte nun deren Befindlichkeiten, Anfragen und Anregungen den anwesenden Verantwortlichen.  Steffi Thoma und Joachim Schmitt brachten die Sichtweisen von Schülern, Eltern und Lehrkräften ein und fragten nach.

Wechsel- und Distanzunterricht

Die neuesten Beschlüsse des Wechselunterrichts für die höheren Klassen, so Steffi Thoma, verunsichern Eltern und Schüler: Wie sollen die nun wieder versäumten Prüfungen aufgeholt werden? Werden die Anforderungen nach dem Lockdown umso größer, wenn alles nachgeholt werden muss? Herr Rüth war sich sicher, dass auch hier das KuMi wie im ersten Lockdown Lösungen finden werde, die zwar zusätzliche Belastungen vermeiden, aber dennoch die Bildungsqualität erhalten werden, damit dieses Schuljahr nicht als „Jahrgang light“ verbucht wird. Schulrat Brummer und Landrat Scherf waren sich einig, dass Schule schon begonnen hat, wegzukommen von einem lexikalischen-wiedergebenden Lernen hin zu Kompetenzen. Bildung müsse fragen: Was braucht die Jugend von heute, um den Anforderungen der Gesellschaft von morgen gerecht zu werden. Ein neuer Bildungsbegriff entsteht. Die direkte Umsetzung bleibt dennoch schwierig, so Herr Brummer, weil alle beteiligten Fachbereiche, gerade wenn es auf das Abitur zugeht, ihre Unterrichtsinhalte als unabdinglich ansehen und die Gesellschaft der Schule zudem immer weiter neue Gebiete aufgebürdet. Für die Grund- und Mittelschule, so Brummer, eröffnet sich jedoch schon ein flexibler Korridor bzgl. der Corona- Bewältigung. Hier machte der Moderator Joachim Schmitt deutlich, dass ein Auftrag, Verantwortung vor Ort zu übernehmen, helfen könne, schul-bezogene brauchbare Lösungen zu entwickeln. Oft aber werde dies durch stark hierarchisch organisierte Vorgaben vereitelt.

Gesundheitsschutz

Im zweite Unterthema Gesundheitsschutz thematisierte der Moderator die Forderung nach vom Staat gestellten FFP2 Masken und die in der Presse diskutierten Schnelltests für Lehrer. Hier machte der Landtagsabgeordnete Rüth die Ambivalenzen im politischen Geschehen deutlich, denn obwohl solche Forderungen schnell im Raum stehen, müssen sie der Realität genügen, wo plötzlich rechtliche Probleme auftreten, z.B. bei den Fragen: Was ist, wenn der unsichere Schnelltest Fehler aufweist und ein dennoch infizierter Lehrer weiter unterrichtet? Wer soll die Tests ausführen? Selbsttests bergen eine noch größere Gefahr der Falsch-Indikation. Die Empfehlungen der Leopoldina mit durchgängiger Maskenpflicht dagegen seien Norm und Landrat Scherf konnte beipflichten, dass in Miltenberg aufgrund der Hygienemaßnahmen keine signifikante Weiterinfektion innerhalb der Schulen stattfand trotz der hohen Inzidenzen. Schulrat Brummer ergänzte mit Zahlen: Bei 700 Lehrkräften im Kreis Miltenberg waren – aktueller Stand- nur 1 Person positiv und fünf Kontaktpersonen in Quarantäne, sowie 23 Kinder positiv und 83 in Quarantäne. Auch dies ein Zeichen, so Scherf, dass die Lüftungskonzepte funktionieren, besser als alle Luftfilter, die immer auch ein zusätzliches Fensterlüften erfordern.

Teamlehrer – entlastende Hilfen

Ein wichtiger Punkt für die Teilnehmer des ersten Schulgipfels war die Frage der Entlastung vor allem der Eltern gewesen. Die Möglichkeit des Einsatzes von Teamlehrkräfte wurden angesprochen, aber zugleich auch relativiert: Trotz positiver Erfahrungen im Einsatz sind diese nicht für den Lehrberuf qualifizierten Kräfte eng gekoppelt mit einem Tandemlehrer, der sie „füttert“, was wiederum zusätzliche Belastungen für die Lehrkräfte hervorruft. Darauf verweisen die Berufsverbände vehement, so die Antwort.

Kreative Konzepte

Andere Konzepte, so Landrat Scherf, seinen kaum realisierbar. Ständig Neues auszutesten, wenn man gerade einen Modus im Alltag gefunden habe, verunsichere und löse neue Diskussionen aus. Es muss eine gewisse Verlässlichkeit geben. Herr Brummer pflichtete ihm bei: Zu meinen, jeder könne Zusatzlehrer sein, entspreche nicht dem Qualitätsanspruch an die Schulen. Bei oberen Klassen ermöglichen aber zumindest der Distanzunterricht eine größere Flexibilität.

Familien

Beim Unterthema Familie war man sich einig, dass Chancenungleichheiten aufgefangen werden müssen. Herr Rüth hatte dabei schon wunderbare Angebote gesehen, auch in Nachbarschaftshilfe und ehrenamtlichem Engagement - eine kreative Lösung, wie es von den Moderatoren bzgl. Schule im Laufe des Abends immer wieder eingefordert wurde. Dennoch können solche Patenschaften mit Vorgaben zum Infektionsschutz (social distancing) im Neuen Jahr schwierig werden, sodass einer Initiative für den Landkreis eher eine Absage erteilt wurde. Persönlich wurde Herr Rüth vor allem, als er für bedrängte Arbeitnehmer oder Selbständige anbot: „Ich versuche zu helfen“. „Das ist unser Job, dafür sind wir da.“

Planbarkeit

Planbarkeit in Zeiten von Corona, so befanden die Verantwortlichen, so wünschenswert sie für alle ist, bleibe schwer machbar, da auch die Politik getrieben wird von den Notwendigkeiten der Pandemie. Politik müsse versuchen das umzusetzen, so Scherf, was von der Wissenschaft empfohlen und gleichzeitig in der Gesellschaft akzeptiert werden könne. Einem Corona – Kabinett an den Schulen, wie der Moderator Joachim Schmitt vorschlug, die durch eine größere Beteiligung aller Betroffenen eine größere Zufriedenheit ermöglichen könne, erteilten die eingeladenen Gäste eine Absage: Diskussionen seinen der momentanen Situation nicht angemessen, in der schnelle Entscheidungen gefragt sind und eine nur „scheinbare Demokratie“ zu wenig erreiche. Die Politik müsse hier den Rahmen setzen und wenn übergeordnete Gesetzeslagen vorgegeben werden müssten, führe ein „Corona-Kabinett an der Schule“ eher zu einer Ohnmacht bei den Beteiligten. Natürlich, so Scherf, höre man immer die Verbandsvertreter, man nutze die gegebenen Strukturen der Demokratie, wie auch das Schulforum auf Seiten der Schule. Selbst die Verhandlungen im Landtag, so Rüth, seinen angesichts der rasanten Veränderungen bzgl. der Corona-Lage schon zu langwierig.

Auch die Forderung nach Erziehungszuschüssen, um Eltern zu ermöglichen, die Betreuung der Kinder zu übernehmen, wurde eher ablehnend begegnet: man brauche die Arbeitskräfte angesichts eines enormen Fachkräftemangels. Vielmehr müsse der Lernbegriff noch einmal überdacht werden, so Scherf, Eltern dürften nicht zum Reparaturbetrieb der Schule degradiert werden.

Und wie lautet das Resümee für die Schule in der Zeit nach Corona?

Vielen Menschen werde gerade bewusst, wie schön die Zeit vor Corona war, meinte Rüth, die Schüler lieben plötzlich die Schule. Herr Brummer äußerte: „Mein Vertrauen in den Staat ist deutlich gestiegen,“ dem Landtag sein Dank. Der Berufsstand des Lehrers erfahre gerade eine vermehrte Anerkennung. Bildung dürfe aber in Zeiten von digitaler Bildung nicht wieder auf lexikalisch- abfragbares Wissen beschränkt werden. Es brauche den Aspekt der Ausbildung des ganzheitlichen Menschen. Und Herr Scherf ergänzte, dass wir heute unsere Kinder ausbilden für die kommenden Herausforderungen, die sicher kommen werden. Auch dazu hilft eine Pandemie, die uns lehrt, flexibel mit Problemen umzugehen. Was wir letztlich mit in die Zukunft tragen werden - aus der Pandemie heraus, das werden wir zu einem späteren Zeitpunkt analysieren müssen.

(I.Thiem)

  

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